Tanzpalast
Ein guter Freund von mir konnte unlängst fast nicht glauben, dass ich erst vor wenigen Monaten das erste Mal was getrunken und bei der Gelegenheit die ganze Nacht lang durchgemacht habe. Er meinte dann, da gäbe es sicher noch mehr nachzuholen und er werde sich um diese Versäumnisse kümmern. Ich dachte, das war nur so dahingesagt. Damals zumindest.
Eines schönen Junifreitages sass ich bei diesem Freund - wollen wir ihn der Einfachheit halber Peter nennen - gemütlich "Prince von Bel Air" ansehend (Bemerkung am Rande: auch das war mal wieder eine Prämiere für mich, ich kannte die Serie bislang nicht!) und popcornknabbernd auf dem Bett, als mir fast beiläufig eine Frage gestellt wurde, die einem selten im Leben gestellt wird und für mich Konsequenzen hatte. Auf diese Frage habe ich ohne nachzudenken mit "ja" geantwortet. Tage später dachte ich mir noch, dass ich das vielleicht nicht hätte tun sollen. Schliesslich sollte man bei solchen Dingen gut nachdenken, bevor man ja sagt. Aber ich muss dazusagen, dass er die Frage sehr raffiniert gestellt hat, ganz auf harmlos und beiläufig.
Die Frage lautete, ob ich mit ihm in den Tanzpalast [eine Disco in Baden] gehen würde. Mein Ja war so unglaublich, wenn man bedenkt, dass ich die Musik, von der ich dachte, dass sie an so einem Ort gespielt wurde, total hasste! Was sollte ich an einem Ort, wo Musik viel zu laut gespielt wurde, in einem Haufen von Teenagern? Ich war ein Kind der siebziger und achtziger was Musik betrifft. Im Auto fahren und die Bohemian Rhapsody auf voller Lautstärke zu hören ist für mich eines der grössten Vergnügen auf Erden. In den Tanzpalast würde ich reinpassen wie die Torte in den Briefkasten. Abgesehen davon wusste ich nicht recht, was ich mir da anziehen sollte. Und wenn es mir dort nicht gefiel? Sass ich vielleicht alleine in Baden fest! Oder noch schlimmer, verdarb Peter und denjenigen, die sonst noch mitkamen, den Abend
. Das war auch der nächste Punkt, ich wusste ja nicht mal wer aller noch mitkam! Denn ich sage immer, es kommt nicht darauf an was man macht, sondern mit wem man es macht. Und zu diesem Zweck hätte mich schon sehr interessiert, wer da mitkommen würde. Denn ich konnte bei allergrösster Naivität nicht glauben, dass er mit mir alleine dahin fahren wollte.
Ich hatte also Zweifel über Zweifel. Aber ja hatte ich schon gesagt, und ich bin ein Mensch, der sich an ihr Wort hält. Es gab kein Zurück mehr. Peter schien sicher kein Kneifen mehr zuzulassen.
Ich hegte noch die Hoffnung, dass er sicher darauf vergessen würde, aber diese Hoffnung wurde bald zerschlagen, als am Montag eine email kam von ihm mit dem P.S. "Noch 11 Tage bis zum Tanzpalast!" Von vergessen konnte keine Rede mehr sein.
Also fragte ich mal in meinem Freundes- und Bekanntenkreis herum, was dort auf mich wartete. Um mir ein Bild machen zu können und mich psychisch auf dieses traumatische Erlebnis vorbereiten zu können. "Ziemlich fein für eine Discothek, ist dort ziemlich elegant." oder "Für die Gstopften und Gsackelten! Freut mich dass du da hingehst, kannst du diese schlimme Erfahrung für mich machen und dann davon erzählen" aber auch Aussagen wie "Zu all den Siebzehnjährigen gehst auf Aufriss? Na dann viel Spass!" bekam ich zu hören. Nicht gerade die grössten Oden an den Tanzpalast.
Eine gute Freundin machte sich den Spass, und hat mich nach einem langen Samstagabend auf dem Balkon mit passender Musik zwangsbeglückt, und dabe habe ich laute Überlegungen angestellt, was mir bis dahin zustossen könnte. Ein plötzlicher Fieberanfall, ein kleiner Unfall, unerwarteter Besuch vom Ausland, irgendwas in der Art hätte ja rein theoretisch bis Freitag passieren können. Theoretisch.
Bei der Gelegenheit hat meine Freundin sich freiwillig für die Aufgabe zur Verfügung gestellt, mich f
ür den Anlass herzurichten. Und das Angebot habe ich dankend angenommen. Selbst wenn es mir nicht gefallen würde, so hätte ich als begeisterte Jeans und T-shirt-Trägerin zumindest einen "Wow"-Effekt bei den anderen bewirkt. Und allein das war die Sache wert. Die Gesichter der anderen -mittlerweile hatte ich schon einen Verdacht wer noch mitkommen würde- wenn sie mich in ungewohnter Aufmachung sahen.
Dank meiner Freundin- wollen wir sie der Einfachheit halber Dani nennen- hab ich angefangen, positiver über das Ganze zu denken. Trotzdem hatte ich immer noch ein flaues Gefühl bei der Sache, dass sich vor allem in einem Anfall von "Ich mag da nicht hin, ich will da absagen" äusserte. Tatsächlich hatte ich schon Peter's Nummer gewählt und den Hörer in der Hand. Ich wollte ihm sagen, dass sie ohne mich fahren sollten, aber nach zehnmaligen Leuten hob immer noch niemand ab und ich hatte keine Möglichkeit mehr, meine Bedenken an wirksamer Adresse anzubringen. Zwar hatte ich am Abend zuvor noch Petz angerufen, von dem ich jetzt endlich definitiv wusste, dass er mitkam, aber er konnte meine Sorgen nicht wirklich zerstreuen.
Gegen späteren Nachmittag machte ich mich dann auf den Weg zu Dani, der guten Seele die mich bei der ganzen Sache aufbauend, tröstend, farbtechnisch und vor allem kosmetisch unterstützen wollte. Zurück gab es jetzt keines mehr.
Wir hatten eine Menge Zeit, und wir hatten auch eine Menge Spass. (Mal abgesehen vom Nagelhaut zurückschieben, das mir vorkommt wie ein Überbleibsel aus der Inquisitionszeit...) Ich will nicht mit Details der Sanierungsarbeiten langweilen, aber ich muss sagen, dass Dani da echt professionell gearbeitet hat. Ich hab die ganze Zeit in keinen Spiegel gesehen, weil ich mich selber überraschen wollte. Erst als alles fertig war hab ich mich getraut und mich angesehen. Ist es euch schon mal passiert, dass ihr euch im Spiegel nicht so recht wiedererkannt habt, im po
sitiven Sinn? Diesen Effekt hatte ich das erste Mal in meinem Leben. Und dieser Moment hat meine letzten Zweifel beseitigt, ob es richtig war oder nicht, mich da mitschleifen zu lassen. Und Dani werde ich das nie vergessen, was sie an dem Tag für mich getan hat. Zwischen uns ist gerade in den letzten Wochen intensive Freundschaft entstanden, die durch die Schminksession sicherlich noch weiter gefestigt wurde. Vor allem hat sie das Kunststück geschafft, mich auf ihre Art so aufzubauen, das meine Stimmung von "ängstlich besorgt, was da passieren wird" zu "neugierig, was da auf mich zukommt" umschlug. Allein das könnten nur wenige Menschen bei mir bewirken.
Peter kam dann rauf um am späteren Abend, um mich zu holen. Ich hab in Dani's Zimmer gewartet, während sie die Tür für Peter aufgemacht hat. Wir wollten diesem Moment etwas Spannung geben. Mit klopfendem Herzen habe ich gewartet. Wie würde er reagieren? Was würde er sagen? Ich sah auf die Uhr, betrachtete mich im Spiegel. Die Minuten - oder waren es nur Sekunden?- krochen endlos langsam dahin. Dani kam dann kurz zu mir rein, ich solle nach ihr ins Zimmer kommen. Das tat ich auch. Etwas unsicher stolzierte ich ins Zimmer. Die drei Martini zuvor hatten mich keineswegs lockerer und mutiger gemacht.
Seine ganze Reaktion auf mich war ein einziges Kompliment. Er käme, um die Renate abzuholen, wo ist sie denn? Ich strahlte und fühlte mich grossartig.
Er begrüsste mich dann mit einem Handkuss, und wir verabschiedeten uns von Dani und machten uns auf den Weg zu seinem Wagen.
Petz und Miki warteten schon beim Wagen auf uns.
Auf der Fahrt - zu viert in einem Porsche, das ist an und für sich schon ein Erlebnis, vor allem für die auf den billigen Plätzen hinten - wurde mir heiss in dem schwarzen Blazer. Als ich ihn ausziehen wollte, hatte ich gemerkt, dass ich ihn mir geschickterweise in der Tür eingeklemmt habe. Ich war es einfach nicht gewohnt, einen Blazer
zu tragen, und mir war das ein wenig peinlich. Ich gurtete mich ab und bei der nächsten roten Ampel wollte ich unauffällig die Tür öffnen um den Blazer hereinzuholen. Mein Bemühen, das ganze "Unternehmen Blazer ausziehen" unauffällig zu gestalten, wurde prompt durch ein paar Laute Kommentare von meinen Begleitern vereitelt. Bemerkungen wie, "Schau, die will aussteigen!", "Letzte Gelegenheit vor der Autobahn!" oder "Jetzt will sie kneifen, pass auf!"
Aber im Gegenteil, ich hatte gerade begonnen mich in dem Wagen, zwischen ein paar netten Leuten, von denen ich zwei als Freunde bezeichnen durfte, richtig wohlzufühlen, und in der Sekunde hab ich auch begonnen, mich richtiggehend zu freuen auf den Abend. Ich erinnere mich auch noch gut, dass im Radio irgendso ein "tuftuftuf"-Lied gespielt wurde und jeder in dem Wagen den Rhytmus auf irgendjemandes Knie mitklopfte. Es war da eine spezielle Stimmung in dem Wagen, die gute Laune war fast spürbar. Und hat mich natürlich auch angesteckt, keine Frage. Ich bin auch der Mensch, der sich schnell von anderen zu etwas begeistern lässt und eigentlich immer auf alles neugierig.
Im Tanzpalast angekommen - klar, dass Petz und ich durch den V.I.P-Eingang gingen - ging's sofort auf die Tanzfläche. Ich war überrascht von der Grösse. Und dass mir die Musik gar nicht so dröhnend vorkam, wie ich das erwartet hatte. Und dass man viel Platz hatte, sich zu bewegen. Ich hätte mir all das enger und kleiner vorgestellt, und war von vornherein schon mal positiv überrascht. Und auch die Musik empfand ich nicht als schrecklichen Lärm. Die Anlage war hervorragend, zwar laut aber nicht schmerzhaft. Ich begann schüchtern, das Verhalten der anderen in meinem Umkreis zu imitieren. Ich fand es unglaublich. Ich habe es immer geliebt, wenn ich alleine zu hause war, was Flottes in den CD-Player zu legen und so mit irren Bewegungen durch die Wohnung zu toben. Und jetzt war mir
erlaubt, diese Verhaltensanomalie in aller Öffentlichkeit auszuleben! Ich fühlte mich immer wohler und wohler. Egal wie es ausgesehen haben mag, ich liess mich in den Rhytmus fallen. Mit leuchtenden Augen war ich da mittendrin und fühlte mich pudelwohl.
Dabei muss ich natürlich Peter's Verhalten lobend erwähnen. Wie rührend er anfangs darauf geachtet hat, ob bei mir alles in Ordnung ist, und sofort dazwischengegangen ist, wenn er gemerkt hat, dass mir ein anderer begeisterter Tänzer unabsichtlich zu nahe gekommen ist. Ich schämte mich fast dafür, jemals Zweifel an seiner Rücksichtnahme gehabt zu haben.
Ich hatte eine tolle Zeit! Ich were auch nie vergessen, wie das erste Mal das Styropor auf uns gefallen ist und wir wie im Schneesturm gestanden sind. Wie Peter und Petz sich im Styropor haben begraben lassen. Oder wie auf einmal ein Klopfen und Stampfen aus der Lautsprecheranlage tönte, dass mir sehr vertraut war. Ich konnte es nicht glauben! 1991 war Freddie Mercury gestorben, und im Jahre 1999 spielte eine Disco immer noch eines seiner Lieder. Ich strahlte wie ein Christbaum und liess mich wie meine Begleiter auf das Styropor nieder. Es war meine Lieblingsgruppe, die da gespielt wurde. "Mein" We will rock you! Mir klopfte das Herz, in derselben Sekunde machte mir Miki ein Zeichen. Ich sah in die Richtung die sie mir deutete und bemerkte einen Photographen, der tatsächlich mich fotographiert hatte! Ich kümmerte mich nicht weiter darum und nahm es freudig strahlend als Kompliment hin.
Von einer Person hatte ich allerdings noch kein Kompliment bekommen, obwohl ich schon damit gerechnet hätte. Es war nicht so, dass ich deswegen sauer gewesen wäre -schliesslich hatte ich in seinem Blick, als er mich das erste Mal so gesehen hat, auch schon einiges herausgelesen - nur war er ein Freund und natürlich legte ich deshalb Wert auf seine Meinung. Es hatte mich nur ziemlich verwundert, warum da bislang kein positives verbales
Kommentar gekommen war von ihm. Wie auch immer, bei einer kleinen Tanzpause sassen Petz und ich abseits von der Musik und dem Trubel in einem Nebenraum. Peter und Miki waren in der Zwischenzeit wieder auf die Tanzfläche verschwunden.
Ich begann mich zu fragen, wie ich wohl aussah, verschwitzt und voller Styropor. Aber ich sass hier nicht nur zum Verschnaufen. Insgeheim hatte ich mir vorgenommen, nicht aufzustehen, bis ich hörte, was ich hören wollte-und wenn ich auf die "Besser geht es nicht Methode" arbeiten musste. (Auf die Art:"Ich brauche dringend ein Kompliment!")
Ich entleerte die Schuhe vom Styropor, zog sie aus und machte es mir ein wenig bequem auf dem Sessel. Und dann bekam ich zu hören, dass mir die Schuhe gut passten. Und nicht nur die Schuhe. Ich sollte mich öfters so zurechtmachen, das passte gut zu mir. Ich bedankte mich lächelnd. Nur darauf hatte ich gewartet. Wir konnten wieder auf die Tanzfläche, nachdem das jetzt für mich erledigt war und ich bekommen hatte, was ich wollte.
Der ganze Abend (oder wollen wir es Nacht oder Morgen nennen?) war ein voller Erfolg. Auch die Verkehrskontrolle machte keinerlei Probleme, weil niemand von uns, Peter eingeschlossen, was getrunken hatte. Die Musik war Stimmungsmacher genug, wie ich bald festgestellt hatte.
Ein kleiner Bonus, den ich auch nie vergessen werde, ist, wie auf der Heimfahrt im Autoradio "Sweat" lief, von Inner Circle. Das Lied war vor vielen Jahren auf endlos im Radio gelaufen. Anscheinend konnten wir das alle noch immer auswendig, und gemeinsam sangen wir laut mit.
"I want to make you sweat, sweat until you can't sweat no more..." Nun, wir waren schon verschwitzter, dass es verschwitzter nicht mehr ging. Passend irgendwie.
Ich hab es in vollen Zügen genossen, diesen tollen Abend, den ich besonders Dani zu verdanken hatte, ohne die ich wohl nicht so selbstbewusst und aufgestylt hingegangen wäre. Ja, ohne die ich vielleicht letzten
Endes doch gekniffen hätte. Sie hat mir gezeigt, was ich aus mir machen kann. Und mir geholfen, einen unbekannten Teil von mir zu entdecken. Das ist mehr, als je ein Mensch für mich getan hat!
Super war selbstverständlich auch Peter, ohne den ich so etwas wohl nie erlebt hätte. Der mich an diesem Abend aufs neue von seiner Menschenkenntnis und Rücksichtnahme überzeugt hat, Stimmung gemacht hat und mir mal wieder eine Prämiere der besonderen Art verschafft hat. Ich möchte euch beiden was sagen:
DANKE!
© by Renate B.